Tahaddi = eine Hilfsorganisation und “Herausforderung” auf arabisch

Die Geschichte von Tahaddi begann mit zwei Taschen voll Medizin und jungen Müttern, die Hilfe für ihre Kinder brauchten. Dr. Agnès Sanders, eine französische Ärztin und Catherine Mourtada, eine Schweizer Lehrerin mit Wurzeln im Mittleren Osten, waren in der staubigen Gegend rund um Hay el Gharbeh unterwegs, südlich von Beirut, wo die ärmsten wohnen, und offerierten medizinische Hilfe, wo sie konnten. Es kam vor, dass die beiden am Boden sassen, nämlich wenn sie eingeladen wurden von den ansässigen Familien, um mit ihnen traditionellen arabischen Kaffee zu trinken. So bauten die Frauen Vertrauen auf und lernten die extrem arme und verletzliche Gemeinschaft kennen. Sie fanden bald heraus, dass das wichtigste, was sie brauchten, Gesundheitsvorsorge und Bildung war. Und dass sie zusammenpassten.

Mit der Zeit fand man in der näheren Umgebung weitere permanente Lokalitäten. Und zwei Zenter wurden geöffnet für Tahaddi’s Aktiväten: ein Community Gesundheits Center, um Familien willkommen zu heissen sowie ein Ausbildungszentrum für Schüler, die nicht mehr in der Schule sind. (im libanesischen Ausbildungssystem sind Kinder, die einmal aus der Schule draus sind, für immer weg! Man sieht sehr oft Kinder mit ihren Eltern zB. am Früchtestand arbeiten) 

Bei Tahaddi werden auch hygienische Grundkenntnisse vermittelt

2008 wurde Tahaddi offiziell registriert als Non-Profit-Gesellschaft. Tahaddi Libanon ist unabhängig und hat keine politische Zugehörigkeit. Ihr Ziel ist es, sozial benachteiligten Familien und Opfern von Konflikten und Diskriminierung zu dienen, egal welcher Nationalität, Religion oder sozialem Hintergrund sie angehören. Tahaddi hat einen aktiven Verwaltungsrat, welcher sicherstellt, dass die Organisation gut geführt führt. 

Ein engagiertes Team von ca. 45 Angestellten stellt sicher, dass die Center von Tahaddi täglich geöffnet sind und ihrer Gemeinschaft dienen und dass sie die Richtlinien ihrer 5 Werte leben, die da sind: Professionalität, Transparenz, Mitgefühl, Gerechtigkeit und Stärkung.

Als meine Freundin Britta und ich an einem Mittag los gingen überlege ich noch kurz, den eigenen Wagen zu nehmen, entscheide mich aber dagegen. Und im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, denn wie es südlich von Beirut und nur ein paar Minuten vom Highway ausschaut, das kann man sich nicht vorstellen. Und dies an einem sonnigen Tag. Wenn es regnet, das weiss ich von meinem Hubby, der oft beruflich die Flüchtlingscamps besucht, ist der ganze Boden komplett matschig und oft kaum passierbar. 

Wir werden also willkommen geheissen von Catherine, der Gründerin von Tahaddi, und bekamen dann eine Tour von Rose, einer der engagierten Mitarbeitenden. Sie ist verantwortlich für Kommunikation und Entwicklung.

Rose zeigt uns das ganze Center und ich bin froh, habe ich die bequmen Schuhe an und habe mich gegen mein weisses Kleid entschieden (don’t know what hit me). 

Etwas vom eindrücklichsten ist wohl die "Aussicht", die wir vom Neubau aus haben. Tahaddi
arabisch für Herausforderung (aus der Armut) – dem hat sich die Organisation mit Leib und Seele verschrieben. (www.tahaddilebanon.org)

Unter uns liegen die sogenannten „squatted houses“, das sind illegal gebaute Häuser, wo nie irgendwelche polizeilichen Kontrollen durchgeführt werden oder. Man weiss nicht genau, wie viele Menschen dort wohnen. Tahaddi helfen zu gleichen Teilen den syrischen Menschen (Flüchtlinge oder einfach benachteiligte) sowie Libanesen. Die Libanesen gehören vor allem den Dom an, einer nationalen Minorität, die ähnlich wie die Roma von Rumänien gekommen sind. Diese Menschen haben keinerlei Rechte, ihre Ur-Grossmütter wurden z.B. nie registriert, wenn diese dann heirateten und Kinder hatten, war ebenfalls kein Geld vorhanden um diese zu registrieren usw. Deshalb haben diese Menschen nichts, und vor allem können sie sich zum Teil nicht an einer Schule einschreiben. Die Kinder aus diesen Familien versucht Tahaddi bei sich einzuschulen. Das Ziel ist, sie auf die öffentliche Schule vorzubereiten. Manche Kinder waren aber schon zu lange abwesend, als dass sie noch den Anschluss finden könnten für eine öffentliche Schule und bleiben immer bei Tahaddi.


auch eine Bibliothek ist vorhanden

In der Schule lernen sie genau das, was wir auch lernen, also neben Sprache auch Zeichnen, Musik, Drama, Turnen und Computer. Die LehrerInnen haben alle mindestens einen Bachelor-Degree und sind genau so kompetent und mindestens so engagiert wie anderswo.  

Beim übers Gelände gehen folgen wir einfach Rose, wir hätten keine Chance in diesem Labyrinth und würden uns innert kürzester Zeit verlaufen. Unser Guide kennt alle, und alle kennen sie; sie wird überall freudig begrüsst, und ab und zu gelangt jemand mit einem Problem an sie, oder Rose mahnt irgendwelche Kinder, später in die Schule zu kommen. Wir besuchen das Health Center und  dürfen mit einer Psychologin und einer Social Workerin sprechen. Auf meine Frage, weshalb denn die Menschen aus dem „Quartier“ hauptsächlich zu ihnen kamen, antwortet sie: vor allem wegen Verletzungen, weil das Gelände so unwegsam ist und Kinder häufig stürzen. Oder aber die Mütter kochen mit Gas ca 50 cm ab Boden, die Verletzungen, die dabei entstehen kann man sich etwa vorstellen, und auch wenn sie die Kinder kurz alleine lassen müssen. Die Männer sind ab und zu sowieso nicht existent oder Trinker und Schläger. Wir hören viele furchtbare Geschichten. Wenn sie überhaupt noch da sind, denn oft sind sie im Krieg gestorben. Das Health Center wirkt herzlich und sauber, wenn auch sehr bescheiden eingerichtet, die Räume sind extrem klein und überall mangelt es an Platz. 

ein Sprechzimmer im Health Center

Als nächstes besuchen wir die Näherinnen in ihrem Atelier. Diese Begegnung ist besonders herzerwärmend. Selten fühlte ich mich als Frau mehr zugehörig zu einer anderen Frauengruppe als hier, wo ich ihre Sprache nicht einmal verstehe. Die Näh-Abteilung ist sehr beliebt, sie ermöglicht den Frauen ein eigenes Einkommen und eine gewisse Unabhängigkeit. Oft sind sie Alleinversorgerinnen von bis zu zehn Kindern. Und wohlverstanden, für die Miete ihres Shacks (ein Zimmer und ein halbes Wohnzimmer) müssen sie ihrem „Landbaron“ 200$ pro Monat (kalt, Strom kommen nochmals ca 50$ dazu) bezahlen, was absoluter Wucher ist. Einmal im Jahr nähen die Frauen etwa 1000 warme Decken für ihre LandsmännInnen im Bekaa-Valley, also für die syrischen Flüchtlingscamps, dort wird es im Winter sehr kalt. Bei dieser Arbeit sind sie auch gewinn-beteiligt, und sie zeigen uns auf ihren Handys, wie sie diesen Auftrag feierten und getanzt haben. Bei der Arbeit reden, lachen und weinen die Frauen auch gemeinsam, und verarbeiten so ihre Traumata und ihr Schicksal. Wir sind unglaublich beeindruckt davon, wie stark die Frauen sind. 

im Nähatelier

Dann führt uns Rose durch die Schule; wir sehen in eine Computer-Klasse rein, sowie in eine Turnstunde, die ganz bescheiden auf dem Dach des Hauses stattfindet. Die Organisation hält auch den Finger darauf, dass ihnen die jungen Menschen nicht nach ihrer Schulzeit entwischen, sprich irgendwo als sogenannte Tänzerinnen in den arabischen Emiraten anheuern, sondern etwas Richtiges lernen. Sie können eine Art Schnupperlehre machen, um verschiedene Berufe kennen zu lernen. Beliebt sei zum Beispiel Automechniker bei den jungen Männern und Coiffeuse bei den Frauen. 

Als ich versuche, im Anschluss an den Rundgang mit Catherine ein Interview zu führen, ist dies ein Ding der Unmöglichkeit. Dauernd will jemand etwas von ihr; man kann sich nicht vorstellen, in diesem Tohuwabohu zu arbeiten. Und doch ist es sehr wohl möglich. Tahaddi vergrössert sich ständig, und die Organisation wird massgeblich unterstützt von verschiedenen Ländern und Organisationen, u.a. auch von der Schweiz. 

der dekorierte Aufenthaltsbalkon

Wir bedanken und verabschieden uns und sind dankbar, wieder auf die andere Seite von Beirut zu dürfen, zurück in unser privilegiertes Leben. Und wir sind auch dankbar für Menschen wie Catherine und Rose, die das Leben von so vielen Unterprivilegierten massgeblich verbessern. 

"Aussicht" auf die squatted houses

Beatrice Rieben - Life(Style), Confidence & Expat Coach