Freunde finden – Freunde verlassen

Kürzlich fragte ich mich, angeregt durch eine Situation, die sich in einem Coaching ergab, was denn schwieriger sei: neue Freunde zu finden oder die eben gefundenen Freunde wieder zu verlassen.

Die kleine, nicht eben repräsentative Umfrage in meiner Facebook-Gruppe ergab dann auch ein Gleichgewicht, resp. eine Mischung von beidem.

Bei mir selber habe ich festgestellt, dass es überhaupt kein Problem war, Freundschaften zu schliessen, als ich jung war und alleine im Ausland unterwegs. Die eigene Erfahrung hat ebenfalls gezeigt, dass es an schwierigen Posten (Moskau in den 90ern) einfacher war, Freunde zu finden als an vermeintlich einfachen Posten (Paris, auch in den 90ern). Das Leben in Russland 1995 war auf den ersten Blick überhaupt nicht attraktiv und entbehrte vielen Annehmlichkeiten. Ausser viel Natur und noch mehr Kultur gabs da nicht viel um sich zu amüsieren: kaum Restaurants, Bars, Yoga oder andere Vergnügungsmöglichkeiten. Wir waren innerhalb unserer Expat-Community aufeinander angewiesen, wohl viel mehr, als dies in einer grossen anonymen Stadt der Fall ist und wohl mehr, als uns manchmal lieb war... Umgekehrt hat dies zur Folge, dass wer an einer vermeintlichen Traumdestination zu wohnen kommt, allenfalls enttäuscht wird, weil es vielleicht schwieriger ist, Kontakte zu schliessen. Wer dies nicht glaubt, schaue sich gerne „Sue, lost in Manhattan an“. Da stirbt eine junge Frau buchstäblich weg, einsam und alleine, ohne dass es jemand bemerkt. 

Als wir später mit zwei kleinen Kindern in Sri Lanka waren, fand ich schnell Anschluss dank der Schule und Eltern, die ebenfalls ihre Kinder dort abholten. Was ich dort allerdings unterschätzt hatte, waren die gesellschaftlichen Strukturen. Man sozialisiert leider nur mit Menschen seines eigenen Standes. Das fand ich zu Beginn sehr schwierig zu verstehen und auch zu akzeptieren, aber im Alltag kommt man auch vornehmlich in Kontakt mit Menschen desselben Status. Innerhalb der westlichen Expat-Community (für den Westen gesehen!) war es hingegen kein Thema. Für alleinstehende Personen wiederum könne Colombo ein ganz schwieriger Ort sein, um Freundschaften zu schliessen, habe ich grad gestern gehört, wohl wegen der engen Familienbande... 

Ein paar Jahre später, als meine Kinder in Beirut sehr selbständig per Uber unterwegs waren, fiel die Schule als mögliche Kontaktstelle weg, und ich suchte neue Wege, um nette Menschen kennen zu lernen. Diese fand ich unter anderem in der internationalen Community in einem karitativen Netzwerk, in dem ich mich in der Folge engagierte. 

 Es gibt Menschen, die lassen sich sehr schnell auf neue Beziehungen ein, dann gibt es welche, die sind eher zurückhaltend. Auch ich bin da eher schweizerisch-reserviert. Zwar offen gegenüber neuem, aber bis ich jemanden als FreundIn bezeichne, dauert es schon ein bisschen. Umso schwieriger ist es, mich später wieder loszuwerden… 

Ab und zu wird einem schmerzlich bewusst, dass sich Neuankömmlinge eher mit anderen Frischlingen zusammenschliessen, als dass sie Zeit mit der im Weggehen begriffenen Person verbringen. Dies ist ein normaler Prozess, der instinktiv stattfindet. Im Umkehrschluss wird sich die weggehende Person möglicherweise auch nicht mehr in neue Freundschaften investieren und lässt sich deshalb weniger auf jemanden ein, der gerade angekommen ist, auch wenn es passen würde. Es ist menschlich und verständlich. 

Alle paar Jahre wieder Menschen auf unbestimmte Zeit zu verabschieden, ist sehr schmerzlich. Jedes Mal stirbt ein kleiner Teil in mir dabei. Wie kann ich mich nun besser schützen vor den Emotionen und dem Tal der Tränen? Indem ich mich weniger öffne oder indem ich mich weniger tief auf eine Beziehung einlasse? Also eine Freundschaft mit angezogener Handbremse? Aber vielleicht geschieht dies sowieso, in mittleren Jahren, und auch ohne wegzugehen… Sind Beziehungen, die man später im Leben schliesst überhaupt so tief wie diejenigen, die man seit der Jugend hat? Ist das eine schlechter als das andere?

Ich denke, jede Freundschaft ist zu jedem gegebenen Zeitpunkt im Leben ein Geschenk; einige halten für immer, andere begleiten uns ein paar Jahre. Es sollte nicht gewertet werden. Ich finds vor allem schön, immer wieder die Chance zu haben, neue Menschen in unserem Leben zu haben und sich gegenseitig zu unterstützen und zu inspirieren. Expat oder nicht.

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Beatrice Rieben - Life(Style), Confidence & Expat Coach