Proteste im Libanon - Eindrücke eines Expats • Beatrice Rieben

Proteste im Libanon – Eindrücke eines Expats

Ursprünglich wollte ich heute über Kinder-Freundschaften im Ausland berichten. Aber aus aktuellem Anlass schreibe ich stattdessen über die libanesischen Proteste, die seit einer Woche hier andauern. Aus meiner ganz persönlichen Sicht …

Seit über 3 Jahren wohnen wir nun in Beirut und haben uns ans Leben im Nahen Osten gewöhnt. Wir haben viele kleinere Vorfälle miterlebt und haben mittlerweile ein Gespür für angespannte Situationen entwickelt und können ganz gut damit umgehen, denke ich. Auch im Wissen, dass es für uns nur ein vorübergehender Zustand sein wird. Und notabene ist es nach Russland und Sri Lanka mein drittes Krisen- resp. Kriegsland, in dem ich lebe. 

Die Lage im Libanon hatte sich unlängst mal wieder zugespitzt, einerseits durch die Dollarkrise seit dem Sommer und den Skandal des libanesischen Ministerpräsident Saad Hariri. Angeblich hatte er seiner südafrikanischen Geliebten ein 17 Mio-Dollar Geschenk gemacht. Nach den schweren Waldbränden, die sich ebenfalls vor kurzem zutrugen und  bei denen viele LibanesInnen ihr Daheim verloren, war die Reaktion der Regierung: höhere Steuern. Was das Fass aus meiner Sicht definitiv zum Überlaufen brachte, war allerdings die Ankündigung, man wolle künftig für whatsapp calls Geld verlangen und zwar 20 Cents pro Tag und Person. Man kann vieles tun, aber man sollte ganz sicher nicht den LibanesInnen ihr liebstes Kommunikationsmittel wegnehmen, resp. das ohnehin teuerste Kommunikationssystem der Welt noch verteuern. 

Deshalb ist ganz Libanon nun seit gut einer Woche am protestieren. Für eine neue Regierung, gegen die Korruption und die hohe finanzielle Verschuldung des Landes. Die Stimmung ist bis auf wenige Ausnahmen am Anfang friedlich. Frauen, Kinder und Männer; Christen, Sunniten, Schiiten und Drusen demonstrieren für einmal vereint, Seite an Seite, für das gleiche Ziel. 

Ich fühle mich hier zwar sehr daheim und willkommen, habe aber trotzdem nicht das Gefühl, ich müsse bei den Demonstrationen mittun. Es käme mir anmassend vor, wie eine Art Protest-Tourismus. Es ist nicht mein Kampf und nicht mein Land. Aber man kommt nicht umhin, den Humor und die ausgelassene Stimmung, die typisch für den Libanon ist, zu bewundern.

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In Tripoli, einer sehr konservativen Stadt im Norden des Landes, legte ein DJ vor tausenden von Menschen auf, in Beirut feiern die BürgerInnen ihre Revolution auf der Strasse, rauchen Shishas, räumen den Unrat auf (!), und in Baalbek tanzt man Dabke .
Eine Zeitlang kam man nicht mehr zum Flughafen und vom Flughafen weg wegen der Strassensperren und wurde auf Töffs hin- und hergefahren. Ich selber kam Sonntag Nacht mit meinem Sohn aus der Schweiz zurück und hatte mir ein Weilchen Gedanken darüber gemacht, ob ich zu dem Zeitpunkt überhaupt zurück kommen sollte. Es stellte sich später heraus, dass alle Schulen geschlossen bleiben würden. Aber den armen Hubby, zu dem ich ja vor fast 20 Jahren auch ja gesagt hatte, konnte ich kaum alleine hier versauern lassen… 

Trotzdem weiss man nicht, wie es weitergeht und ob die Stimmung kippen wird. Irgendwie ist das Leben ein bisschen „on hold“, viele Termine werden verschoben, und mein sozialer Kalender hat sich geleert. Man liest in den sozialen Medien, dass der Libanon nach den Demonstrationen nie mehr so sein wird wie er war. Ich bezweifle, dass man mit einer neuen Regierung alle hiesigen Probleme aus der Welt schaffen wird. Aber das werde ich dereinst wohl aus der Ferne mitbekommen.   

Bericht NZZ 
Blog-Eintrag von Nicolette, von einer Freundin gepostet

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