Leben im Ausland: was man mitnimmt • Beatrice Rieben

Leben im Ausland: was man mitnimmt

Das beste am Expat-Leben ist, nicht nur in den Ferien zu sein! Der Reiz ist eben nicht, die „wunderbaren Gerüche und Farben“ (Indien-Reisende) oder die unbeschwerte Italianità (Italien-Urlauber) für kurze Zeit zu geniessen, sondern eben auch das zu erleben, was einen in den Wahnsinn treiben kann (siehe ebenfalls oben).
Von jeder meiner Entsendungen habe ich versucht, dasjenige, was mir in meinem Gastland besonders gefiel, in mein Leben hier zu integrieren, also eine Art copy-paste des best of. Selbstredend gewöhnte ich mir auch weniger coole Dinge an, doch davon später oder ein anderes Mal. Einen Strich durch die Rechnung macht einem die eigene Kultur und wie man geprägt wurde. Anders gesagt: „You can take the girl out of Switzerland, but you can’t take Switzerland out of the girl. Ich genoss es zum Beispiel beim Autofahren, so ziemlich alle Regeln (wie ich sie kannte) zu missachten (rechts überholen, essen, trinken und texten, auf der Strasse in der 2. Reihe parkieren usw.) Zurück in der Schweiz bin ich sowohl verunsichert ob all der Regeln und no-gos als auch genervt, wenn andere die Verkehrsregeln missachten. Rules are Rules.

Ein Mix aus schweizerischem Up-bringing und 4 Jahren im Libanon kann dann folgendes ergeben: 

  • Du fährst gleichzeitig Auto, telefonierst, und isst ein Manoushé
  • Du bist erstaunt, so viele Väter zu sehen, die ihr Baby im Tragetuch mittragen und generell Väter, die mit ihren Kindern alleine unterwegs sind
  • Du kannst die letzten 4 Jahre Fashion von Gucci, Chanel und Prada der richtigen Kollektion zuordnen 
  • Gelebte Lebensfreude, laute Musik, generell Lärm stören dich nicht mehr
  • deine Handtaschen-Kollektion braucht einen separaten Schrank  
  • deine deutschen Sätze sind gespickt mit französischen und englischen Wörtern 
  • Du nennst jede/n „habibi“, auch und besonders im Streit
  • Du denkst, für dich gäbe es keine Regeln auf dieser Welt
  • Du zweifelst manchmal, ob weniger wirklich mehr ist
  • Du fängst an, dich in Warteschlangen unauffällig vorzudrängeln
  • deine Dermatologin wird zu deiner zweitbesten Freundin 
  • Du kochst für 20 Leute, hast aber nur 4 eingeladen
  • Du findest die Schweizer Preise günstig 
  • Du hast verlernt, deine Haare selber zu stylen
  • Dir kommt das No Smoking-Konzept in geschlossenen Räumen fremd vor
  • Du rufst an, wenn Du 10 Minuten nach Abschicken eines whatsapps keine Antwort hast
  • Du kannst deine Einkäufe nicht mehr selber einpacken 
  • Du versuchst, mitten in der Nacht ein Take-Away Menu zu bestellen 
  • bevor Du sorgenvoll an morgen denkst, öffnest Du lieber heute noch eine Flasche Wein

Und last but least: wenn Du beginnst, das komplexe politische System im Nahen Osten zu verstehen, warst Du zu lange dort oder wie ein Witz meint: es wurde dir nicht gut genug erklärt! 

Corniche in Beirut