Heimaturlaub • Beatrice Rieben

Heimaturlaub

Schon Wochen oder Monate vorher freut man sich drauf: den Heimaturlaub. Endlich wieder seine Familie sehen, seine Freunde, im Coop einkaufen, in der Aare baden, Freiheit und saubere Luft geniessen, Wasser direkt ab dem Wasserhahn trinken. Ich stelle mir auch in den blumigsten Farben vor, wie schön mein Aufenthalt wird, von Harmonie und purer Idylle geprägt. Die vielen tollen Dinge, die ich unternehmen werde. 

Wie kommt es dann, dass ein Heimaturlaub oft in Stress und Frustration endet? 

Erst einmal wird in unseren Gedanken vieles von daheim idealisiert. Was man aus der Ferne vermisst, geht einem daheim genauso schnell wieder auf den Keks. Ein Beispiel: wir wünschen uns zwar Ruhe und Ordnung von daheim, aber sobald wir dies alles wieder haben, nerven wir uns sofort, wenn jemand im Treppenhaus die Schuhe stehen lässt oder – God forbid – den Grill auf dem nachbarlichen Balkon anwirft; wir schrecken auf, wenn eine fröhliche Gruppe am Nebentisch im Restaurant lärmig ist (was wir andernorts als Italianità oder Lebensfreude super finden). Die Schweizerin in mir kehrt sofort zurück. ​

Während des Heimaturlaubs muss man immer viele Dinge erledigen wie Arztbesuche, Administrationstermine, Check-ups, Unterhaltserledigungen der Wohnung, usw.  Diese Termine (x4 mit zwei Kindern und einem Hund) sind sehr zeitraubend und wenig befriedigend. Oder Vorrat aufstocken: während es uns im Libanon an fast nichts mangelt, mussten wir in Sri Lanka immer einen Vorrat an Nespresso-Kapseln, Ovo, Fleisch etc. mitbringen oder verschiffen lassen (letzteres endete leider im Fiasko). Ausserdem gab es weder H&M noch Zara noch Nike-Shops. Also mussten wir alle weissen Kinder-Turnschuhe, die wir im Verlauf der nächsten 12 Monate für die Schule brauchen würden, auch jeweils im Sommer kaufen. Dann nicht zu vergessen: gross gewachsene Damen werden kleidertechnisch in Tokyo wenig fündig werden, was ich von einer früheren Arbeitskollegin weiss. Unzählige Dinge, die es vorauszuplanen gilt. Kein Wunder, kann ich manchmal gar nicht mehr im Moment leben, sondern denke immer voraus. 

Wenn ich nicht deutlich kommuniziere, was ich mir vom Aufenthalt wünsche, werde ich ganz sicher enttäuscht. Dieses Jahr zum Beispiel habe ich als Resultat auf letztes Jahr einen Ämtliplan aufgestellt, der insbesondere vom Erstgeborenen belächelt wurde. Tatsache ist: wir arbeiten noch an der Umsetzung. Während man früher die Kinder unter den Arm klemmen und sein Ding durchziehen konnte, geht das heute nicht mehr. Mehr und mehr haben die Buben ihre eigenen Bedürfnisse und wollen ihrer Wege gehen. Was sie in Beirut nicht ausleben können, wird hier nachgeholt, das harmloseste davon ist noch im Quartier schlendrianen… Und wer während dieser Zeit mit dem Hund spazieren geht, ist selbsterklärend. 

Was man normalerweise während eines Jahres unternimmt, wohlverstanden alles gefreute Sachen wie Gottekinder, Freunde, Verwandte besuchen, dieses Programm muss man auf wenige Wochen komprimieren. Wie ein Film im Schnelldurchlauf. Und man möchte dabei allen Leuten gerecht werden, was ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die meisten verstehen es zwar, wenn am Schluss nicht Zeit für alle und alles bleibt, aber früher hatte ich deswegen ein schlechtes Gewissen. Heute nicht mehr. The beauty of turning 50 wahrscheinlich, oder ich habe mich daran gewöhnt ? Im nächsten Blog wissen wir mehr…

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