ein Augenschein vor Ort • Beatrice Rieben

ein Augenschein vor Ort

Frühmorgens Ende April gings los. Der 8h02 Zug brachte uns nach Genf. Einchecken mit MEA – wir sind gespannt, wie das Fliegen mit Middle East Airlines wird und haben die Buben bereits auf einen 4-Stunden-Flug ohne Bord-Entertainment mental vorbereitet. Umso überraschter waren wir, als wir kleine Bildschirme auf unseren 27A, B, C und D antrafen. Unsere Arabisch-Stunden haben bisher so weit gefruchtet, dass wir aus all den Ansagen und Sicherheits-Durchsagen genau 3 Wörter verstanden, nämlich „unter“, „ja“ und „danke“. Wir bleiben dran. Das Bord-Essen konnte es durchaus mit demjenigen einer bekannteren Airline aufnehmen, auch das Unterhaltungs-Programm und die Freundlichkeit der Besatzung: alles tipptopp. Ich war schon recht aufgeregt, als wir vier Stunden später in Libanon landeten.


Es war schon ein anderes Ankommen, wenn man weiss, dass man hier bald wohnen würde. Also ich schluckte jedenfalls ein paarmal leer und guckte mir alles ganz genau an. Auch am Zoll hatten wir genügend Zeit, alles arabische durchzubuchstabieren. Leider gibt es die Betonungszeichen nur für die AnfängerInnen-Lektionen und nicht mehr im „richtigen Leben“. Einmal mehr fühlte ich mich in die erste Klasse zurückversetzt.

Vor dem Flughafen schauten wir wie richtige Rookies aus der Wäsche. Und schon fuhren wir für den doppelten Betrag als mein "footprint"-Guide meinte, in die City. Aber egal, ich habe auf die Hälfte heruntergehandelt. Die Fahrt war abenteuerlich, und das Strassenbild wechselte praktisch im Sekundentakt zwischen schön und komplett heruntergekommen. Wir kamen im Le Bristol an, wo wir herzlich willkommen geheissen wurden unsere zwei schönen Doppelzimmer mit Verbindungstür bezogen. Erstmal WLAN ausgiebig testen und chillen.

Der Hunger trieb uns schliesslich raus und wir liessen uns auf Anraten der Receptionistin nach Downtown, zu den Beirut Souks chauffieren. Dort gibt’s den Butchers Shop & Grill (inzwischen leider geschlossen), denn ein Stück Fleisch war gefragt. Die Buben liessen sich ein paar Chicken Wings reichen zum Einstieg, ich hingegen wollte den shredded Artichoke Salad. Es war noch recht früh. Der Laden würde sich erst später füllen, vor allem mit Libanesen. Die Kundinnen waren sehr gestylt. Das wusste ich zwar vorher, aber für den heutigen Abend war ich zu faul, mich nochmals umzuziehen. Hingegen fürs nächste Mal nahm ich mir vor, „to suit up“. Je später der Abend, umso mehr Gäste tauchten auf, und immer gerne mit Zigarette in der Hand, was man bei uns ja kaum mehr sieht im Resto. Irgendwie sympathisch. Nach dem Essen zogs uns alle zurück ins Hotelzimmer, und wir verlangten die Rechnung. Leider merkten wir, dass wir weder genügend Cash noch eine Kreditkarte dabei hatten. Ich blieb dann als Pfand im Resto und der Hubby fuhr mit den beiden Söhnen zurück ins Hotel um mich auszulösen. Wir hatten noch Glück, der Stau fand erst auf der gemeinsamen Rückfahrt von Hubby und mir statt.

Sehr gut schliefen wir dann nach diesem aufregenden ersten Tag in unserer künftigen Heimat ein.  

Das Ziel für den nächsten Tag war auszuschlafen, und unser einziger Termin ist derjenige mit dem Frühstücksbuffet. Der Hubby war bereits am Morgen kurz vor 11h bereit für eine libanesische warme Mahlzeit, nämlich „Foul“, eine Art Suppe mit Kichererbsen, Limonen, Olivenöl, Kreuzkümmel und Koriander. Ich probierte eine Variante des libanesischen Brots, dasjenige mit Käse. Auch nicht schlecht. Die Söhne liessen sich noch auf keinerlei Experimente ein und waren generell noch nicht gesprächig um diese Uhrzeit. Auch danach brauchten sie noch etwas Zeit – schliesslich war Sonntag. Der Hubby und ich zogen unterdessen los, die Gegend rund um Hamra zu entdecken. Vor allem brauchten wir Cash. Wir probierten bei einigen ATMS unsere Maestro-Cards aus, leider erfolglos. Trotz Maestro-Card-Logo, das anderes verspricht. Bei der letzten Maschine zogs bei mir grad gänzlich die Karte rein, dies ohne Geld auszuspucken. Ein paar ATMs weiter klappte es dann schliesslich mit Hubby’s Kreditkarte und wir zogen mit ein paar Tausend libanesischen Pfunden fröhlich von dannen. Und gönnten uns endlich eine Tasse Cappuccino bei „Paul“. Weiter gings Richtung Meer, an die Corniche.

Am Montag Morgen hatten wir eine Verabredung mit der Verantwortlichen für die Neuzugänge an der ACS. Wir wurden sehr herzlich begrüsst und willkommen geheissen. Die Dame führte uns durch die ganze Schule. Wir waren sehr beeindruckt, wie unsere Buben von allen Lehrerinnen und Lehrern mit offenen Armen empfangen wurden. Jeder betonte, wie toll es wäre, wenn die beiden Boys ihre Schule wählen würden und interessierten sich dafür, welchen Sport sie denn so mögen. Die Atmosphäre war sehr entspannt und man war auf Augenhöhe mit den Lehrenden. Mein jüngerer Sohn meinte, sie seien hier alle so nett, er würde zu allen Lehrern gerne in die Schule gehen.  Mir hatte es vor allem die riesige Bibliothek angetan sowie das Gym für die älteren Schüler.

Am Dienstag stand zuallererst die Rückeroberung meines EC-Kärtlis an. Die Bank wurde informiert darüber, dass mein Kärtli reingezogen wurde und rückte ohne grösseren administrativen Aufwand das Teil wieder heraus. Natürlich nicht ohne mir vorher noch sehr charmant die Eröffnung eines Bankkontos anzubieten. 

Fatima, unsere erste Agentin einer Wohnungsvermittlung, traf uns mit ihrem Auto bei der ABC-Mall und zeigte uns verschiedene Objekte. Die meisten liessen uns kühl, weil entweder zu hohes Stockwerk oder zu viel Glas oder halt sonst ungemütlich. Ausser eins. Dieses eine war richtig toll, im ersten Stock, sehr gross aber auch sehr cozy. Die Buben richteten mental schon ihre Zimmer ein inkl. Limonenbäumchen auf "ihrem" Balkon und diskutierten heftig, wer von ihnen das Zimmer mit dem En Suite Bad bekommen sollte... 

Am nächsten Tag hatten wir erneut einen Termin für Wohnungsbesichtigungen, diesmal mit einer anderen Agentur. Sehr aufregend, all das. Die Dame sprach leider soo viel, dass man sich die Appartments kaum in Ruhe anschauen konnte. Es stimmt mich jedesmal etwas verdächtig, wenn man die Sache nicht auch mal für sich sprechen lassen kann. Heute war leider nichts dabei, was es uns angetan hätte. Wir nahmen wieder ein Taxi zurück in unsere Gegend und gönnten uns am Abend ein Znacht beim Italiener .

Eine erneute Wohnungsbesichtigung fiel heute ins Wasser. Die Agentin meinte, in unserem (mind you: gut bemessenen) Budget gäbe es keine 4 Bedrooms-Wohnungen in der Gegend um Hamra, Ras Beirut. Nun denn, dies gab uns zum ersten Mal einen Tag am Beach. Wir packten blitzschnell unsere Badesachen ein und liessen uns ins Coral Beach Resort Richtung Süden fahren. Man kann dort gegen eine Gebühr die ganze Infrastruktur des Clubs/Hotelanlage nutzen. Wir genossen es, uns die Sonne nach dem langen Winter auf den Pelz scheinen zu lassen. Und erholten uns dabei prächtig.

So vergingen die zwei Wochen wie im Flug. Leider klappte es schlussemment nicht mit dieser Wohnung. Ein Kanadier-Paar mit einem grösseren Budget machte das Rennen. Wir würden dann bei unserer Ankunft im August von neuem schauen...