Bin ich im Ausland je einsam? • Beatrice Rieben

Bin ich im Ausland je einsam?

Ob ich eigentlich bereits Freundinnen in Colombo gefunden habe, fragte mich damals mein 15jähriger Neffe, was ich unglaublich aufmerksam fand für einen Teenager.

Man muss nicht erst ins Ausland ziehen, um sich einsam zu fühlen, ganz klar. Das kriegt man auch daheim bestens hin. 

Aber im Ernst: Millionen von Menschen leiden heutzutage genau darunter. Seit diesem Jahr gibt es in England sogar ein Ministerium für Einsamkeit. Während früher die Integrierung des Einzelnen in die Gemeinschaft eine Selbstverständlichkeit war, hat sich dieser Automatismus während der Industrialisierung teilweise aufgelöst. Wir sehen diese Art des gemeinsamen Lebens noch in vielen Ländern Afrikas. In den meisten Industrieländern hat sich inzwischen die sogenannte Individualisierung durchgesetzt. Und das heisst jeder für sich und bedeutet optimalen Nährboden für Einsamkeit. 

Gemäss Untersuchungen seien besonders Menschen um die 30 und 60 gefährdet, sich einsam zu fühlen, während Menschen um die 40 am wenigsten einsam seien. Einsamkeit sei gleich schlimm wie 15 Zigaretten am Tag oder Alkoholismus. Menschen, die dauerhaft einsam sind, leiden auch häufiger unter Erschöpfung, Entzündungen, Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen oder hohem Blutdruck. 

Wer als Expat in die Ferne versetzt wird, erlebt das Gefühl von Einsamkeit noch viel stärker, denn er verliert auf einen Schlag 100% seiner wirklichen (nicht virtuellen) Kontakte, also alle davon! Man stelle sich mal diesen Schock vor. 

Seit 23 Jahren ist das Expat-Leben immer wieder mein Alltag und ich bin inzwischen ein echter Profi darin: Moskau, wo ich meine Expat-Karriere in den 90er Jahren startete, galt damals als schwierige Destination. Trotzdem fühlte ich mich nie einsam, denn wir waren auf der Arbeit ein eingeschworenes Team, und ich habe immer noch Freunde aus jener Zeit. Anschliessend Paris: da schaute jeder für sich - es ist eine westliche Stadt, also gilt es als easy, aber ich musste mich für meine Kontakte anstrengen – das galt natürlich nicht für Bekanntschaften mit Männern: die lernte ich ganz leicht kennen... In Sri Lanka halfen mir meine Kinder dabei, nette Menschen kennen zu lernen, wenn ich sie von der Schule abholte oder mir an einem trümlig organisierten Sport-Turnier gemeinsam mit anderen Eltern die Beine in den Bauch stand...  und daraus haben sich wieder andere Kontakte entwickelt.  Hier in Beirut engagiere ich mich im internationalen Grüppchen der DSAL und lerne viele Leute from all walks of lifekennen. Grundsätzlich bin ich zum Glück nicht der Typ Mensch, der zu Einsamkeit neigt – bisher jedenfalls, aber ich kenne Menschen, die schnell einsam sind. 

Was kann man also tun gegen Einsamkeit?
Die drei Ts: TV, Trinken, Tabletten? Selbstverständlich nicht. Diese Strategien haben sich als wenig hilfreich erwiesen, um der Einsamkeit zu entgehen. Weniger schlimm sind Musikhören, Lesen, Kochen, alleine Spazierengehen. Aber so findet man natürlich keine neuen Freunde. Selbst Menschen, die sich sozial isoliert fühlen, weil sie zu viel arbeiten, stürzen sich darauf in noch mehr Arbeit, um den Schmerz zu betäuben. Psychologen sagen: "Einsamkeit ist eine Gefängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt."

In diesem Sinne haben sich für mich folgende Strategien als erfolgreich erwiesen:
·     Leute ansprechen und dabei nicht wählerisch sein. Aus einem Kontakt können sich viele weitere ergeben. Bei mir war ein Besuch mit meinem Hund beim Tierarzt äusserst fruchtbar. Dort lernte ich eine Inderin kennen, die mich auf DSAL aufmerksam machte.
·     Aus meiner Komfortzone herauskommen, es macht mich auch stärker und selbstsicherer
·     Selbst eine gute Freundin sein, es kommt alles hundertfach zurück
·     Sich in der Schule der Kinder umschauen; sicher gibt es jemanden, der zurück lächelt und mit mir einen Kaffee trinken will
·     Einem Verein beitreten
·     Sport machen, in eine Wandergruppe gehen
·     Eine Sprachschule besuchen
·     Ein lokales Handwerk erlernen
·     Lernen alleine zu sein. Übrigens, die Fähigkeit, allein zu sein, lernen wir als Säuglinge, meint Wissenschaftler Donald Winnicott. Gemäss ihm kann ein Kind das Alleinsein besser ertragen, wenn es zuvor die Sicherheit erhalten hat, dass die Mutter wieder zurückkehrt. Wenn die unmittelbaren Bedürfnisse des Säuglings gestillt seien und die Mutter gerade für nichts sorgen müsse, beruhe die Fähigkeit zum Alleinsein auf der Erfahrung, in Gegenwart eines anderen Menschen allein zu sein. Ich finde es auch wichtig, seinem Kind dies vorzuleben. Es muss nicht jede Minute unterhalten werden, es darf sich auch mal langweilen. 

Eine weitere zentrale Erkenntnis für mich als Expat ist diese: Lernen wir unsere Einsamkeit und unser Getrennt sein von anderen Menschen im positiven Sinne zu akzeptieren. So haben wir den ersten Schritt gemacht, um mit dem damit verbundenen Schmerz umgehen zu können. So lenken wir unsere Energie, die wir am Einsatzort benötigen, in andere Bahnen. In meinem Fall kommt dazu, dass ich nicht alleine hier bin. Ich habe meinen Hubby, der auch mein bester Freund ist, meine beiden Söhne, die zwar bereits ihre eigenen Wege gehen, und einen Hund, der mir ein wirklicher Gefährte geworden ist. 

Und um die Frage meines Neffen zu beantworten: ja, wo immer ich bin, ich schliesse Freundschaften, wenig tiefe zwar. Aber zusammen mit vielen Bekannten und den guten Freundinnen, die ich daheim in der Schweiz habe und einer Handvoll auf der Welt verstreuten, bin ich sehr zufrieden!

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