Beirut - meine Heimat für 4 Jahre - in Trümmern • Beatrice Rieben

Beirut – meine Heimat für 4 Jahre – in Trümmern

Unsere Herzen bluten. Die Stadt, die während 4 Jahren unser Daheim war, liegt mehrheitlich in Schutt und Asche. Die Menschen, die uns mit offenen Armen empfangen haben, stehen einmal mehr vor dem Nichts. 

Die Explosion vor genau einer Woche hat über eine Viertel Million Menschen obdachlos gemacht. Geschäfte, Restaurants, Rooftop-Bars, Hotels, vieles was Beirut ausmacht ist kaputt. Und auch der Esprit der Libanesen, den wir als einzigartig kennen gelernt haben, scheint vorübergehend gebrochen.

Es ist surreal, aus der sicheren Ferne der Schweiz Zeugin zu werden dieses schrecklichen Unglücks, wo man eben noch mittendrin gewohnt hatte. Mit seinem ganzen Hab und Gut. Und das gleiche Leben teilte.

Ich kann nicht beschreiben, was in mir und meiner Familie vorgeht. Es tut uns allen so schrecklich leid, wir machen uns die grössten Sorgen um das eh schon vom Schicksal gebeutelte Land und unsere Freunde. Die meisten von uns wohnen im betroffenen Gebiet, rund um das christliche Viertel Achrafié, unweit des Hafens. Alle, die wir kennen und die dort leben, sind von der Explosion betroffen und haben Schnittwunden oder andere Verletzungen davongetragen, und die alle zählen nicht einmal zu den über 5000 Verletzten, die in den zerstörten Spitälern liegen. Unser Tierarzt, der vor 2 Jahren unseren Hund gerettet hatte, versorgt und näht nun auch Menschenwunden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein muss, über verwundete Körper zu steigen, rechts und links Verletzte zu sehen, und wie man dieses Trauma je wieder verwinden kann. Als Expat können wir sicher psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, aber für einen Durchschnittslibanesen ist dies nicht das erste Trauma, sondern vielleicht das dritte oder vierte in seinem Leben, und er muss einfach mit diesem Schicksalsschlag zurechtkommen. Es fragt sich, wieviel eine Seele aushalten kann? Trotzdem gibt es Stimmen auf Social Media, die sagen: „jetzt erst recht“, und „Lebanon will be back stronger“. Aber wie muss es für jemanden sein, die ihr Geschäft, das sie mit viel Liebe und Energie aufgebaut hat, zum xten Mal wieder bei Null beginnen muss? 

Seit unser älterer Sohn nach seinem IB-Abschluss in die Schweiz zurück zog, machte er sich Sorgen um uns: zuerst im Oktober 19 wegen der Revolution und der damit einhergehenden Unruhen, dann wegen der schlimmsten Wirtschaftskrise, die das Land wohl je gesehen hat und parallel dazu einer Pandemie. Und wenn man denkt, die Talsohle erreicht zu haben, passiert dies. Verpflichtet man sich, so wie wir, für einen bestimmten Zeitraum in dieser Gegend zu leben und zu arbeiten, macht man sich vorher grosse Gedanken um die eigene und die Sicherheit der Familie. Im Falle Libanons betraf es vor allem die anhaltenden jahrelangen Kriege mit und in den Nachbarsländern! Dass wir alle während dieser ganzen Zeit auf einem Pulverfass sassen und diese Katastrophe jederzeit hätte eintreten können; damit hätte nun wirklich niemand gerechnet. Ausser diejenigen, die verantwortlich sind oder die von der Gefahr wussten und auch davor warnten. 

Freunde vor Ort und hier sagen uns, wir hätten Glück gehabt, uns noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht zu haben. Wir sind selbstverständlich dankbar und froh, in der Schweiz zu sein, mit unserem ganzen Hab und Gut und auch als Familie in diesen Zeiten wieder vereint zu sein. Trotzdem sind wir untröstlich, unseren Mitmenschen in Beirut nicht beizustehen in diesen schweren Tagen. Es ist ein Gefühl, wie wenn wir sie im Stich gelassen hätten. Das Syndrom nennt sich „survivor’s guilt“ wie ich von einer ebenfalls davon betroffenen Freundin lernte. Es tritt dann in Erscheinung, wenn jemand glaubt, etwas falsch gemacht zu haben, weil er einem traumatischen Erlebnis entkommen ist, während andere nicht das gleiche Glück hatten. 

Unendlich viel Glück wünsche ich hingegen meinem geliebten Beirut und seinen wunderbaren grosszügigen Menschen. Möge das ganze Land wieder mal zur Ruhe kommen und sich von seinen Wunden erholen. So resilient und kreativ, wie ich die LibanesInnen kenne, bin ich sicher, dass sie sich auch diesmal neu erfinden werden.
#prayforbeirut - meine Gedanken sind mit Beirut.