5 Tipps wie ich damit umgehe, mein Kind in der Heimat zurück zu lassen • Beatrice Rieben

5 Tipps wie ich damit umgehe, mein Kind in der Heimat zurück zu lassen

Rückreise

Für Familien aus kleinen Ländern wie der Schweiz ist es normal, dass sie einander regelmässig sehen, wenn die Kinder erwachsen und bereits ausgezogen sind. Manche von uns treffen sich zum Beispiel jeden Sonntag zum gemeinsamen Nachtessen. Oder waschen dem Nachwuchs sogar die Wäsche oder putzen deren Wohnung. (Nicht dass ich je in Versuchung käme, einen solchen Service aufrecht zu erhalten und dass es einer meiner Söhne je akzeptieren würde.) Trotzdem: soweit weg, dass man einfliegen muss, wenn man das Kind sehen will, müsste nun auch nicht sein. 

Also, wie ist es denn nun, wenn das Kind in einem anderen Land wohnt?
Ich kann ja erst seit ein paar Monaten mitreden, wusste aber ein Jahr vorher, was im Sommer 2019 auf mich zukommen würde. Dann nämlich, wenn mein Erstgeborener sein International Baccalauréat hoffentlich erfolgreich abschliessen und zurück nach Bern gehen würde. Ich bereitete mich mental darauf vor, für längere Zeit von ihm getrennt zu sein. Und hörte ganz aufmerksam zu, wenn andere von ihren Erfahrungen berichteten. Zugegeben: unsere regelmässigen heftigen Diskussionen und Streitereien unterstützten den Abnabelungs-Prozess. Trotzdem fürchtete ich mich vor dem August, wenn mein jüngerer Sohn und ich alleine mit dem Hund nach Beirut zurückreisen würden. Die letzten Sommerferien waren denn auch wundersam-harmonisch, was  den Prozess wiederum nicht begünstigte)

Hier meine Tipps, die mir dabei helfen, damit umzugehen, die fünf Vs sozusagen:  

Vorbereiten: in der Regel wissen wir, wann es soweit ist und unsere Kinder zurück in die Heimat verreisen. Dies ist für uns meist schmerzvoller als für die Kinder, die einem neuen Abenteuer, dem Erwachsen werden, entgegen segeln. Diese Neugier heisst es zu unterstützen und nicht zu unterbinden. Es ist eine schöne Sache, wenn unsere Jungen unabhängig und selbständig sein wollen und es bedeutet, dass sie bereit dafür sind. Also seien wir es auch, oder tun zumindest so… Unterstützen wir sie dabei, auszuziehen und teilen ihre Begeisterung für das, was kommt. Wir können stolz auf sie sein!

Verantwortung übergeben: Dinge anvertrauen, z.B. das Bankkonto überschreiben oder Aufgaben übergeben, wie Grosseltern besuchen oder ein Haustier betreuen. Wir haben unserem Sohn unsere Wohnung anvertraut für seine WG mit zwei Freunden. Diese Verantwortung nimmt er wahr. Und natürlich kann man nicht von einem Tag auf den anderen lernen, Ordnung zu halten, ganz besonders im Teenager-Alter. Regelmässig Glas, Altpapier etc. zu entsorgen ist besonders in der Schweiz kein Picknick und verlangt einem fast ein Tagespensum ab! Durch Fehler lernt man, und sie sollen diese auch selber machen dürfen, so wie wir dies auch durften. Hinzu kommt, dass seine WG wohl die erste in seinem Freundeskreis ist, also findet jedes Zusammensein eben dort statt, wo keine Eltern stören. 

Vertrauen haben: in Europa erziehen wir unsere Kinder dazu, selbständig zu sein und selber zu denken. Das zahlt sich nun aus. Das einzige Mal, als mich der erwachsene Bub etwas gefragt hat bisher, war, als er sich Sorgen machte, ob wohl die Steuererklärung den Weg zu ihm finden würde, weil alle seine Kumpels diese schon erhalten hätten. Ganz der Schweizer Bub, der er ist. 

Vergleichen hilft für einmal: in den Staaten ist es ganz normal, dass Kinder an einem anderen Ort studieren oder arbeiten, als am Ort wo sie aufgewachsen sind. Und da fliegt oder fährt man halt auch mal ein paar Stunden hin und her für Thanksgiving oder Weihnachten, um seine Kinder oder Eltern zu besuchen.  Eine Freundin hat einen Sohn, der in New York studiert; sie selber wohnt in Beirut mit Mann und jüngerem Sohn, aber ihre restliche Familie ist in entgegengesetzter Richtung, in Indien. Die beiden erwachsenen Kinder des Schulrektors der Highschool studieren beide in Amerika, natürlich in verschiedenen Staaten. Es gibt zig Beispiele. Nicht für alle sind die Distanzen so verhältnismässig kurz wie für uns Europäer oder jetzt für mich konkret in Beirut. Da kann ich alle paar Wochen in die Schweiz kommen. Und auch nicht alle können sich einen Flug heim leisten, um zu überprüfen, ob das Kind genügend isst.

Nicht verdrängen, sondern sich dem Trennungsschmerz stellen. Es tut mir bei alle dem natürlich sehr weh, dass mein Sohn fast 3000km von uns entfernt lebt. Eben noch ein Baby und abhängig von uns, ist aus ihm ein junger Mann geworden (die eigene Meinung hatte er schon immer…) Wie hat das so schnell geschehen können? Dies ergeht allen Eltern, so Gott will so, dass die Kleinen eines Tages gross werden und ausziehen. Die Familiendynamik ändert sich. Plötzlich ist man nur noch zu zweit daheim! Mir hilft es, mit anderen darüber zu reden, die in der gleichen Situation sind oder noch schlimmer dran sind (s. oben). Und vergessen wir die Väter nicht. Diese sind genau so traurig darüber wie die Mütter, aber reden vielleicht weniger darüber. Übrigens: wer am meisten in der WG in Bern vorbei schaut, bin nicht ich oder eine andere Mutter, sondern einer der Väter… 

Was man nicht tun sollte: seine ganze Konzentration nun auf das zweite oder dritte Kind zu lenken; es ist eine schlechte Idee und wird kaum geschätzt. Lieber sich eine zusätzliche Aufgabe suchen oder ein neues Hobby. Vielleicht ist es auch der Moment, sein eigenes Leben zu überdenken, und sich mit seiner Zukunft auseinander zu setzen... 

Also Ihr Lieben: Nabeln wir uns ab und denken daran: es kommt alles gut. Und was man gesät hat, erntet man.

Ich freue mich, noch 3 mal schlafen zu müssen, bis das Kind uns hier besucht. Und der jüngere Sohn, dessen Hauptsorge es war, künftig alle Ämtli alleine zu stemmen, kann diese bald wieder mit seinem grossen Brüetsch teilen.